Hörphysiologie und Psychoakustik
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Hörphysiologie und Psychoakustik
Markus Fiedler
Aufgrund der sehr positiven Resonanz und
häufiger Nachfragen zum Thema meines Fachvortrags stelle ich
die gesammelten Informationen auf diesem Wege jedem Interessenten zur
Verfügung. Zum besseren Verständnis sind die zum
Vortrag gehörenden Folien als jpeg-Bilder beigefügt
und können auf Wunsch geladen werden. Zusätzlich sind
Hörbeispiele als MP3-Files hier herunterladbar. Die MP3s haben
eine Größe zwischen 70kB und 500kB.
Wahrnehmungsgrenzen:
Im Vergleich zum Auge wird dem Ohr viel weniger Aufmerksamkeit
zugewendet, als es ihm eigentlich zustehen sollte. Die
Leistungsmerkmale des Hörorgans können sich mit denen
des Auges durchaus messen und übersteigen auf ihrem
Wahrnehmungsgebiet sogar teilweise die des Sehorgans.
Das Auge ist fähig, Licht von ca. 700nm bis ca. 350nm
Wellenlänge wahrzunehmen. Dies entspricht einer Oktave des
elektromagnetischen Spektrums. Ein gesunder jugendlicher Mensch
hört hingegen Töne von ca. 16 Hz bis 16.000 Hz. Dies
entspricht ungefähr 10 Oktaven. Auch die vergleichende
Wahrnehmung ist beim Ohr besser als beim Auge ausgeprägt.
Farbunterschiede und Schattierungen müssen schon relativ
deutlich sein damit wir sie vergleichen können. Im
Dämmerlicht geht die Fähigkeit, Farbnuancen
unterscheiden zu können, deutlich zurück.
Letztendlich werden im Dunkeln nicht mehr erkennbare Farben durch die
Lern- und Anpassungsfähigkeit des Gehirns ergänzt.
Das Ohr hingegen ist fähig, auch sehr kleine Tonunterschiede
zu differenzieren. Geübte Testpersonen können bei
Frequenzen zwischen 500 und 5000 Hz noch einen Tonunterschied
wahrnehmen wenn zwei aufeinanderfolgende Töne nur um 10 Cent
verstimmt sind.
Anmerkung: Cent (Abk.: C)= logarithmisches Maß für
Tonintervalle, 100 C = 1 Halbtonschritt, Oktave= 12 Halbtonschritte =
1200 C ; Bsp.: Intervall vom Ton c (128 Hz) zu cis (135,6 Hz) = 100 C,
Frequenzdifferenz = 7,6 Hz; Intervall vom Ton d (143,7 Hz) zu dis
(152,2 Hz) = 100 C, Frequenzdifferenz = 8,5 Hz.
Ähnlich erstaunlich ist die Hörschwelle des Ohres.
Sie beträgt 0,000 000 000 001 W/m2.
Deffinitionsgemäß sind das 0 dB SPL (Dezibel = 1/10
Bel, nach A.G. Bell, SPL= Sound Pressure Level = Schalldruck,
entspricht ungefähr der empfundenen Lautheit). Empfindlicher
darf unser Gehörsinn nicht sein, da wir sonst ständig
unseren eigenen Pulsschlag hören könnten. Die
Schmerzgrenze beträgt 120 dB SPL. Dies entspricht ca. 1 W/m2 .
Die größte wahrnehmbare Lautstärke
beträgt 150 dB SPL, das entspricht 4 W/m2. Die Eckwerte stehen
im Verhältnis von 1: 2,5 x 10^-13. Pegel von 150 dB SPL
führen unter sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch bei kurzer
Andauer und insbesondere bei kurzen Impulsen zu bleibenden
Hörschäden.
Hörbeispiel 01 - Wahrnehmungsgrenzen
des Gehörs, Tonreihe von 16Hz bis 20kHz
Das Ohr ersetzt in gewissen Situationen das Auge.
Trotzdem der Mensch nur über zwei Ohren verfügt, ist
es ihm möglich, Geräusche nicht nur links und rechts
wahrzunehmen, sondern auch vor, hinter, über und unter dem
Kopf zu orten. Testpersonen sind fähig, blind zielgenau auf
eine in Reichweite sich befindende Schallquelle zu zeigen.
Insgesamt wirken folgende Faktoren bei der Ortung mit:
Lautstärkeunterschied, Zeitdifferenz des Eintreffens und
Frequenzspektrum eines Signals am linken und am rechten Ohr.
Ein von rechts kommendes Signal benötigt für die
Strecke von ca. 15 cm zwischen rechtem und linkem Ohr ca. 450
µs. Der eintreffende Schall ist bei diesem Beispiel am
rechten Ohr lauter als am linken.
Weiterhin klingt das Signal links etwas dumpfer als rechts, da einige
hochfrequenten Klanganteile auf dem Weg zum Ohr verloren gehen, oder je
nach Lautstärke durch Knochenleitung (s.u.) der tieferen
Frequenzen überlagert werden.
Für die Filterung des Schalls nimmt die Ohrmuschel eine
entscheidende Rolle ein. Sie filtert ständig verschiedene
Frequenzen aus. Da sich die Ohrmuschel von Person zu Person
unterscheidet gibt es individuelle Unterschiede bei der
Klangwahrnehmung. Bei Handanlegen an das Ohr und Verformung der
Ohrmuscheln kann sehr einfach die Veränderung des
Höreindrucks wahrgenommen werden.
Signale die hinter dem Hörer entstehen, können
aufgrund der Gehörgangsabschirmung der Ohrmuscheln ebenfalls
nur dumpf wahrgenommen werden. Bekannte Geräusche
können somit mittels Lernprozeß des Gehirns sehr
effektiv 3-dimensional geortet werden, indem eintreffende Reize
innerhalb von 0,3 Sekunden ausgewertet und verarbeitet werden. Im
Auswertungsprozeß werden in der Regel 95 % aller
eintreffenden Geräusche nicht an unser Bewußtsein
weitergeleitet. Nur für wichtig eingestufte Informationen
werden uns bewußt. Beispielsweise erregt in einer sich
unterhaltenden Menschengruppe der gesprochenen eigene Name sofort die
Aufmerksamkeit des Hörers und er wendet sich automatisch der
aussprechenden Person zu, er könnte ja sonst etwas verpassen.
Anatomie und Funktion:
Es gibt zwei Wege, die der Schall zu unseren Hörorganen nehmen
kann: Luftleitung und Knochenleitung. Luftleitung erfolgt durch den
äußeren Gehörgang über das
Trommelfell, Hammer, Amboß, Steigbügel bis zur
Cochlea (Schnecke).
Frequenzübertragung erfolgt bei dieser Variante von 16 bis
20000 Hz.
Knochenleitung erfolgt entlang des gesamten Gehörorgans
über Reizung der einzelnen Elemente
(äußerer Gehörgang, Trommelfell, Hammer,
Amboß, Steigbügel, gesamte Cochlea) durch
Vibrationen des Schädelknochens. Übertragen werden
hier Frequenzen <= 2000 Hz. Knochenleitung ist weitaus
uneffizienter als Luftleitung.
Niederfrequente Signale ab ca. 300 Hz abwärts können
aufgrund der Knochenleitung nur schwer geortet werden, da eintreffender
Schall auch den jeweils kürzesten Weg durch den
Schädelknochen nehmen kann. Der Umweg um den Kopf herum und
damit auch die Lauftzeitdifferenz entfällt.
Das Mittelohr ist durch die Eustachische Röhre oder
Ohrtrompete mit dem Rachenraum verbunden. Sie dient zum Druckausgleich
des Raumes hinter dem Trommelfell mit der Umgebung. Sie öffnet
sich kurz bei jedem Schluckvorgang. Ein aufgrund einer Druckdifferenz
eingewölbtes Trommelfell kann nicht ideal schwingen und
überträgt schlechter den Schall.
Hammer, Amboß und Steigbügel dienen zur mechanisch
perfekten Übertragung der Luftschwingungen in die
flüssigkeitsgefüllte Cochlea. Weiterhin stellen sie
einen Apparat zur Verstärkung akustischer Reize dar. Sie
übertragen Schwingungen vom Trommelfell auf das ovale Fenster
der Cochlea, dessen Fläche nur ca. 1/25 der Fläche
des Trommelfells entspricht.
Die kleinsten Knochen im Vertebraten sind jeweils in ihrem Schwerpunkt
aufgehängt und sind daher sinnvoller Weise nicht durch
Körperbewegungen reizbar.
Nach neueren Erkenntnissen sind diese Ohrknöchelchen mit
Muskeln versehen. Der Musculus tensor tympani kann
über den Hammer einen Zug auf das Trommelfell ausüben
und dieses dadurch spannen.
Am Steigbügel setzt der Musculus stapedius
an. Nur zuletzt genannter Muskel ist aktiv in einen Schutzmechanismus
des Mittelohrs eingebunden. Bei zu lauten Geräuschen
spannt sich der Musculus stapedius an und und
verkanntet bei zu lauten Schallereignissen die
Steigbügelplatte im ovalen Fenster. die Knöchelchen
können nicht mehr frei schwingen, was eine Schallweiterleitung
an das Innenohr erschwert. Das wiederum führt zu einer
Entlastung des Innenohrs. Auch wenn nur an einem Ohr eine
Überlastung vorliegt ist der sogenannte Stapediusreflex
an beiden Ohren zu messen. Dieser Reflex setz bei einem Schallpegel von
70-95dB mit einer Verzögerung von ca. 50ms ein (Stapediusreflexschwelle).
Zum Innenohr: In der Cochlea gibt es drei
Kanäle, in denen der Schall weitergeleitet wird, die Scala
vestibuli, Scala media und die Scala
tympani (Paukengang). Der Schall tritt vom ovalen Fenster aus
erst in die Scala vestibuli ein.
Schall erzeugt eine laufende Schallwelle (Wanderwelle),
die sich durch die Perilymphflüssigkeit der Scala vestibuli
durch die gesamte Schneckenlänge fortpflanzt und über
das Helicotrema in die Scala tympani eintritt. In
ihr läuft die Schallwelle die Schneckenwindungen
vollständig zurück bis zum membranbedeckten runden
Fenster. Diese Membran dient zum Druckausgleich und stellt
die Schwingfähigkeit der Cochlea sicher. Bei bestimmten
Frequenzspektrum reizen Signale schon am Anfang der Scala vestibuli die
Scala media, die durch die Reissnersche Membran von
der Scala vestibuli getrennt ist. Die Schwingung wird von der
Endolymphflüssigkeit der Scala media auf die Basilarmembran
übertragen. Auf der Basilarmembran aufliegend befindet sich
das Cortische Organ mit ca. 15.000
Haarsinneszellen , die die Rezeptoren für
Schwingungen darstellen. Durch Schwingungen der Basilarmembran werden
die Haarsinneszellen gegen die Tectorialmembran
verschoben, wodurch die einzelnen Härchen gereizt werden.
Das Membranpotential der Haarsinneszellen ändert sich bei
Bewegung, spannungsgesteuerte Ca2+- Kanäle öffnen
sich, der Ioneneinstrom setzt Neurotransmitter frei. Der Reiz wird an
Neurone des 8. Gehirnnervs (Cochleanerv) weitergegeben und an das
Gehirn weitergeleitet.
Nach neusten Erkenntnissen nehmen die Haarsinneszellen
Reize nicht nur passiv wahr, sondern erzeugen durch Streckung und
Stauchung eine Beeinflussung der Wahrnehmung. Dabei muss man zwischen
den äußeren Harsinneszellen mit
v-förmig angeordneten Zellhärchen, den
sogenannten "Motorzellen", und den inneren Haarsinneszellen
mit linear angeordneten Harsinneszellen, den eigentlichen
Rezeptoren, unterscheiden.
Codierung und neuronale
Übertragung von Reizen:
Der im Ohr eintreffende Schall
wird über die Cochlea und deren spezifischen Bau einer Frequenzanalyse
unterzogen. Dies wurde bereits weiter oben angedeutet. Die
Eigenschaften der Gewebe und der typische Bau des Hörorgans
und einige weitere Details führen zu diesem Phänomen.
Unter anderem sind folgende Details von Bedeutung:
In der Nähe des ovalen Fensters ist die Basillarmembran
relativ schmal und reagiert somit sehr empfindlich
auf hohe Frequenzen. In Richtung des Helicotremas wird diese
Membran immer breiter und hat eine höhere Eigenmasse. Aufgrund
der damit verbundenen Trägheit, ist hier im hinteren Bereich
der Cochlea (also zur Mitte der Schnecke hin) die Membran nicht mehr
durch hohe Frequenzen reizbar. Physikalisch kann man dies als eine Art
Frequenzfilter betrachten.
Der äußere Bau der Schnecke führt ebenfalls
dazu, dass eine von tiefen Frequenzen erzeugte Wanderwelle sich am
besten in der Nähe des Helicotremas ausbreiten kann. Hier
weist der tieffrequente Schall eine hohe Amplitude auf, wohingegen die
tieffrequente Wanderwelle im vorderen Teil der Cochlea, nahe des ovalen
Fensters nur sehr geringe Ausbreitung findet.
Hochfrequente Schallwellen können sich in der Nähe
des ovalen Fensters besser ausbreiten.
Durch hohe Frequenzen wird das Cortische Organ folglich nur in der
Nähe des ovalen Fensters gereizt, tiefe Frequenzen reizen
hingegen eher weiter entfernt liegende Regionen des Cortischen Organs
im Inneren der Schnecke.
Die Stelle der Basilarmembran, die eine maximale Amplitude der
Wanderwelle aufweist, ist eine Funktion der Tonfrequenz (G. von Bekesy,
1960).
Es gibt demnach für jede Frequenz einen Bereich an der
Basilarmembran (und damit am anliegenden Cortischen Organ) der jeweils
am weitesten durch die Schwingungen ausgelenkt wird.
Die ca. 15.000 Haarsinneszellen im cortischen Organ nehmen, wie bereits
angedeutet keines Falls nur passiv den Schall wahr, sondern beinflussen
aktiv die Reizaufnahme. Wichtig ist es, dass man zwischen inneren und
äußeren Haarzellen unterscheidet. Die einreihig,
linear angeordneten inneren Haarzellen sind
vornehmlich mit afferenten (reizableitenden) Nervenbahnen innerviert.
Sie sind tatsächlich fast ausschließlich
für die Reizaufnahme zuständig. Die dreireihig,
v-förmig angeordneten äußeren
Haarsinneszellen haben ihre Hauptaufgabe in der Beeinflussung
der Inneren Haarsinneszellen.
Zur Steuerung der Beeinflussung sind die äußeren
Haarsinneszellen mit efferenten (zuleitenden) Nervenbahnen versehen,
wobei immer mehrere Sinneszellen mit einem Neuron verschaltet sind.
Besagte efferente Neurone haben auch Kontakt zu den (afferenten)
ableitenden Neuronen der inneren Haarsinneszellen. Schallbeeinflussung
kann hier direkt neuronal codiert werden.
Die aktive, physikalische Schallbeeinflussung der
äußeren Haarsinneszellen zeigt sich beispielsweise
in einer dem anliegenden Reiz korrespondierenden hochfrequenten
Stauchung und Streckung der Zellen. Sie erzeugen so
selbständig Töne, welche tatsächlich mit
Spezialmikrofonen im Innenohr gemessen werden können. Die
genaue Funktion dieses Verhaltens ist noch nicht bis ins Detail
geklärt.
Neueste Untersuchungen ergeben aber, dass die Stauchungen und
Streckungen eine Amplitudenvergrößerung der
Wanderwellen an der entsprechenden Stelle des Corischen Organs
hervorrufen. Dabei werden dann die inneren Haarsinneszellen
stärker gereizt. Dies führt dann
zwangsläufig zu einer Anhebung der Lautstärke
wahrgenommener Geräusche führen. Es ist daher zu
schlussfolgern, dass auf diese Weise eine weitere
Empfindlichkeitssteigerung des Hörorgans erreicht wird.
Ebenso
bemerkenswert sind die Eigenschaften der afferenten Nervenfasern der
inneren Haarsinneszellen, welche die eintreffenden Reize an das Gehirn
weiterleiten. Sie nehmen (auch abhängig von ihrer Position in
der Cochlea) Reize frequenzselektiv wahr, d.h. dass sie nicht durch
jede Tonhöhe gleichermaßen reizbar sind.
Zusammenfassend kann man hierbei feststellen, dass genannte
Phänomene offensichtlich zu einer stärkeren
Wahrnehmungs-Kontrastierung der stattfindenden Frequenzanalyse
führen. Betrachtet man die ortsabhängige Amplitude
von Wanderwellen spezifischer Frequenzen, so fällt auf, dass
sie einer Gaußschen Glockenkurve ähneln. Dies
Glockenkurve weist für hohe Frequenzen bereits eine sehr hohe
Fokussierung auf. Tiefere Frequenzen erzeugen allerdings eine
Glockenkurve, die sehr langgestreckt ist und deren Ausbreitung reziprok
(umgekehrt) proportional zur Frequenz steigt. Hier macht also eine
Kontrastierung der einzelnen Frequenzbänder durchaus Sinn.
Für die Codierung der Lautstärke hat sich ebenfalls
ein geniales Prinzip in der Entwicklung der
Säugetier-Hörorgane durchgesetzt.
Wie überall im Organismus können Reizstärken
nur über die Häufigkeit von weitergeleiteten
Aktionspotentialen übertragen werden.
Gibt man beispielsweise einen sehr leisen hohen Piepton auf das Ohr, so
werden Haarsinneszellen nahe des ovalen Fensters durch moderate
Neurotransmitterausschüttung die anliegenden Afferenzen
(ableitenden Neurone) so reizen, dass diese nur wenige
Aktionspotentiale erzeugen und weiterleiten. Starke hochfrequente
Beschallung führt zu einer höheren
Aktionspotentialfeuerrate.
Anscheinend reicht dieses Prinzip nicht aus, um den Dynamikumfang (zum
Begriff Dynamik siehe unten) unseres Gehörsinns mit nur
jeweils einem ableitenden Neuron pro Haarsinneszelle adäquat
abzubilden. Daher sind die inneren Haarsinneszellen mit jeweils 20 bis
40 Neuronen innerviert.
Diese afferenten Fasern besitzen alle eine spezifische Dynamikkurve.
Einige Fasern reagieren schon auf sehr geringe Lautstärken mit
einer hohen Aktionspotentialfeuerrate, andere Neurone verhalten sich zu
diesem Zeitpunkt noch still. Erhöht man die
Lautstärke des besagten Pieptones, fangen immer mehr Neurone
an, Aktionspotentiale in schnellerer Abfolge abzugeben. Der Bereich in
dem ein Neuron auf Lautstärkeänderungen direkt durch
Änderung der Aktionspotentialabfolge reagiert, nennt sich
Dynamikbereich.
Die Dynamikbereiche der einzelen afferenten Fasern
überschneiden sich so, dass sie fähig sind, die am
Anfang dieses Textes erwähnten Lautstärkeunterschiede
derart differenziert an das Gehirn weiterzuleiten.
.
Psychoakustik:
Gehört wird im Kopf. Ein Klangereignis wird zahlreichen Datenkompressionsverfahren
beim Hören unterzogen. Dabei fallen einige Details bei der
Wahrnehmung unter den Tisch, was vom rein biologischen Blick aus
gesehen nicht weiter beachtenswert ist. Jedoch ist Schall heute
für den Homo sapiens sapiens nicht einfach mehr nur ein
Knacken im Geäst oder ein Donner im Himmel, sondern auch mit
Blick auf Musik und Filmeffekte ein kultureller und psychologischer
Faktor.
Es ist heute nicht (oder nur mit sehr großem technischen und
finanziellem Aufwand) möglich, Musik so aufzunehmen, dass die
Aufnahme dem akustischen Leistungsvermögen unseres Ohres
gerecht wird. Insbesondere im klassischen Musikbereich stellte dies die
Toningenieure vor eine sehr heikle Aufgabe. Viele klassische Werke
nutzen die Lautstärkewahrnehmungsfähigkeit des
Menschen bis an seine Grenzen aus. Ein sehr leises Pianissimo possible
ist an der unteren Hörgrenze, ein bombastischer
Schlußakkord im Fortissimo possible mit Pauken und Trompeten
kann eine Lautstärke von bis zu 140 dB erreichen. Die
Differenz vom leisesten bis zum lautesten Ton in einem
Musikstück umschreibt der Begriff Dynamik.
Im vorliegenden Beispiel liegt also eine Dynamik von 140 dB vor. Aber
selbst die hochgelobte CD kann vom Grundrauschen bis zum lautesten Ton
nur 96 dB Dynamik vorweisen (mit technischen Finessen eventuell 118
dB). Nimmt man nun das Musikstück so auf, dass der lauteste
Ton von 140 dB auf 96 dB abgesenkt wird, so werden die leiseren
Töne ebenfalls in der Lautstärke abgesenkt. Ein Ton
von ursprünglich 10 dB Lautstärke ist nun unterhalb
von 0 dB und damit nicht mehr hörbar und geht im Grundrauschen
der CD unter. Wären die leisen Töne richtig
eingepegelt, so würden die lauten Passagen unangenehm
verzerren.
Ein
Kompressor behebt das Problem, indem er in
Sekundenbruchteilen ins laufende Musikgeschehen eingreift und laute
Passagen etwas leiser einpegelt und leise Passagen dafür etwas
verstärkt.
Das Ergebnis ist ein Dynamikverlust der Musik , der aber bei
geschicktem Einsatz des Gerätes nur schwer wahrnehmbar ist.
Jetzt kann das Stück auf CD aufgenommen werden ohne dass
Töne nicht mehr hörbar sind. Hier ist der
maßvolle Einsatz von Kompression eine sinnvolle Anwendung.
Es stellte sich hierbei heraus, dass sich das
Lautstärkeempfinden einer Person nicht nur an der realen
Lautstärke eines Signals orientiert, sondern auch an der
Länge des Signals. Ein kurzes Knacken mit einer bestimmten
Amplitude wird als leiser empfunden als ein anhaltender Ton gleicher
Lautstärke. Ein Musikstück mit geringer Dynamik hat
bei Maximalaussteuerung auf einer CD eine größere
Durchschnittslautstärke als ein Musikstück mit
größerer Dynamik. Somit wird das erste
Musikstück als lauter empfunden.
Man hat hierbei beispielsweise herausgefunden, dass Radiosender mit
lauterer Musikübertragung eher die Aufmerksamkeit des im
Äther suchenden Hörers bekommen, als solche mit
leiser Übertragung. Nun ist aber die übertragbare
Amplitude eines Signals nicht beliebig steigerbar, sondern unterliegt
auch den technischen Grenzen die beim Radio und Fernsehen nicht mehr
als 80 dB erlauben. Durch den Einsatz von Kompressoren wird also die
Durchschnittslautstärke angehoben um damit dem Hörer
zu suggerieren, dass die Musik wirklich lauter wäre.
Dynamiklose Musik oder Sprache ist leichter verständlich als
dynamikreiche Varianten. Der Hörer muß sich nicht
anstrengen sondern nimmt ohne Mühe alle Informationen auf, die
ihm angeboten werden. Auffällig ist daher, dass Werbung im
Fernsehen immer sehr stark komprimiert wird und sich in der
Lautstärkeempfindung vom vorhergehenden Film abhebt (gute
Beispiele sind private Sender wie RTL, Sat.1, Pro7 usw.; Vox
komprimiert auffällig stark; die Öffentlich-
Rechtlichen, voran die dritten Programme, komprimieren nur wenig).
Auch bei CD- Aufnahmen beherrscht schon seit einiger Zeit das Streben
nach Verkaufsquoten die Szene.
Hörbeispiel 04.mp3 - Gitarre ohne
Kompressor
Hörbeispiel 05.mp3 - Gitarre mit
Kompressor
...
Ein weiteres Beispiel der Psychoakustik ergibt sich dadurch, dass ein
leises Geräusch, welches von einem lauten auf gleichem
Frequenzspektum überlagert wird, nicht mehr wahrgenommen
werden kann. Grundrauschen ist bei Aufnahmen ein
großes Problem. Rauschen vor und nach einem gespieltem Ton
ist wahrnehmbar, nicht aber das Rauschen unter dem Ton. In unserem
Gehirn wird das Rauschen aber ergänzt und wir hören
somit das Störgeräusch auch unter dem Nutzsignal. Man
kann einen Verstärker so bauen, dass er leise Signale ab einer
bestimmten Lautstärke abschwächt und laute Signale so
beläßt wie sie sind. Wird dieser Schwellwert (engl.
"threshold") so gewählt, dass das
Störgeräusch ihn unterschreitet und das Nutzsignal
ihn überschreitet, werden automatisch
Störgeräusche ausgeblendet. Das Nutzsignal (der
gespielte Ton) ist hörbar, nachfolgendes Rauschen wird stark
abgeschwächt.
Diese Art von Verstärker nennt man Gate (englisch für
Tor). Wird ein Geräusch nicht schlagartig bei Unterschreiten
eines Grenzwertes ausgeblendet, sondern allmählich immer
stärker abgeschwächt so spricht man von einem
Expander. Ein Expander stellt das Gegenstück zu einem
Kompressor dar und erhöht somit die Dynamik von gegebenem
Musikmaterial.
Perfektioniert wird diese Art der Rauschunterdrückung durch
ein dynamisches Filter. Dieses Filter arbeitet ähnlich wie ein
Expander/Gate, wirkt aber nicht auf die Gesamtlautstärke
sondern auf die Lautstärke einzelner Frequenzen.
Überschreitet auf einem Frequenzband die Amplitude des Signals
einen Schwellwert, so wird diese Frequenz freigegeben und
verstärkt, wenn nicht, wird das Frequenzband stark
abgeschwächt.
In der Praxis hat es sich als sinnvoll erwiesen, dieses Filter ab 1000
Hz aufwärts arbeiten zu lassen, da Rauschen sich zwischen 1000
und 20000 Hz störend bemerkbar macht. Wird beispielsweise ein
Klavierton gespielt mit hörbaren Obertönen bis 8000
Hz, so öffnet das Filter ein Frequenzband von 16 bis 8000 Hz
solange bis die Lautstärke der oberen Frequenzen den
Schwellwert unterschreitet. Die obere Filtereckfrequenz folgt den
Eckfrequenzen des Klaviertones. Die Fachleute werdens erkannt haben, es
handelt sich hierbei um ein dynamisches Tiefpassfilter, ein "LPF" mit
variabler Cutoff- Frequenz.
Wird ein Streicherton gespielt, mit Frequenzanteilen bis 16000 Hz, so
öffnet das Filter ein Frequenzband von 16 bis 16000 Hz bis der
verklingende Ton den Schwellwert unterschreitet.
Eine Kombination aus Expander und dynamischem Filter nennt sich
sinnvoller Weise
Denoiser und erbringt bei richtigem
Einsatz atemberaubende Ergebnisse. Viele der sehr alten Aufnahmen von
Orchestermusik oder Jazz- Musik würde sich heute ein
technikverwöhnter Hörer in der Originalversion
aufgrund des störenden Rauschens nicht mehr anhören.
Auch die damals hochwertigen Bandmaschinen entsprechen nicht mehr
heutigen Standards und so stellen selbst die Originale, sollten sie
noch erhalten geblieben sein, keine adäquate Alternative zu
den alten Schellackplatten dar.
Seit einigen Jahren werden allerdings geschickt mit Denoisern
entrauschte Aufnahmen dem Hörer quasi als neu auf CD
präsentiert und können durch ebenso geschicktes
Marketing ein weiteres Mal verkauft werden. Im Klassikbereich stellen
solche Orchesteraufnahmen für 5 DM und weniger eine gute und
günstige Alternative zu teureren Neuaufnahmen dar.
Das folgende Hörbeispiel enthält von mir gesprochenen
Text. Anfangs ist eine verrauschte Aufnahme zu hören
wohingegen gegen Ende das immer noch vorhandene Rauschen durch einen
Denoiser unhörbar gemacht wird.
Hörbeispiel 03.mp3 - Denoiser
.
Akustische Täuschungen :
Man muß nicht unbedingt einen großen technischen
Aufwand betreiben, um den Gehörsinn zu betrügen.
Einige Bespiele sind auch ganz natürliche Phänomene.
Fehlt z. B. einem Klang der Grundton, so erkennt das Gehirn anhand der
Obertöne automatisch den Grundton und wir hören
diesen virtuell im Klang mit.
Hat ein Klang also beispielsweise Obertöne, die die 4-fache,
5-fache, 6-fache, 7-fache und 8-fache Frequenz des Grundtons ausmachen,
so errechnet das Gehirn den kleinsten gemeinsamen Nenner
(nämlich 1) und ergänzt diesen im
Höreindruck. Dieses Phänomen ist auch als Residuumeffekt
bekannt.
Hörbeispiel 08.mp3 - Residuum-Effekt,
virtuelle Töne
Im Hörbeispiel wird zuerst der 6. Oberton gespielt, danach der
5. Oberton und danach beide zusammen. Jeder weitere Oberton wird zuerst
mit einer kleinen Melodie vorgestellt und danach wird die gleiche
Melodie mit dem entstehenden Gesamt-Sound gespielt. Interessant ist
hierbei, dass spätestens nach dem Zusammenspiel von 3
Obertönen sich der Höreindruck der
Grundtonhöhe ändert. Aber: Es ist mit Ausnahme des
letzten Melodiedurchgangs kein Grundton hörbar! (Vergleiche
auch mit dem
Bild 8
). Fazit: Das menschliche Gehirn ergänzt den
Grundton aus den zu hörenden Obertönen. (Ist nur ein
Oberton hörbar, so bildet er selbst den Grundton, wie beim zu
hörenden 6. Oberton am Anfang.)
Ein weitere bekannte akustische Täuschung basiert auf der
Nichtliniarität des Hörvorganges. Ähnlich
wie bei Hifi- Anlagen entstehen im Gehörgang zunehmend
Verzerrungen bei starker Belastung. Bei zwei eintreffenden
Tönen unterschiedlicher Frequenz ergeben sich Kombinationstöne
mit Frequenzen, die nach folgender Formel ausrechenbar sind: f= n* f1+
m* f2 , (n, m = 1,2,3,4,...). Die Variablen n und m stellen jeweils
einen der Obertöne des jeweiligen Tones dar, f ist die
Frequenz des Grundtones. Anmerkung:.Der Violinist G. Tartini machte
schon vor mehr als 100 Jahren (erfolglos) auf die Benutzung der
Kombinationstöne beim Stimmen seiner Geige aufmerksam. Es
enstehen folglich um so mehr Kombinationstöne je mehr
Obertöne die beiden Klänge haben.
Deutlich zu hören sind die kubischen Differenztöne (2
* f1 - f2 und 2 * f2 - f1 ).
Hörbeispiel 09.mp3 -
Kombinationstöne, 1. Sinuston 1kHz
Hörbeispiel 10.mp3 -
Kombinationstöne, 2. Sinuston 1-2kHz slide
Hörbeispiel 11.mp3 -
Kombinationstöne, 1.+2.Sinus, mono
Hörbeispiel 12.mp3 -
Kombinationstöne, 1.+2.Sinus, stereo
Das Hörbeispiel 11 veranschaulicht sehr deutlich, dass
Verstärkeranlagen tatsächlich
Kombinationstöne erzeugen. Bei Hörbeispiel 12
hingegen sind die einzelnen Sinustöne auf zwei
Stereo-Kanäle getrennt und können sich somit in der
Stereoanlage nicht beeinflussen. Hört man dieses
Hörbeispiel mit einem Kopfhörer, so fällt
nichts auf. Hört man dies hingegen mit einem Lautsprecherpaar
in höherer Lautstärke , so treten die gleichen
Effekte im menschlichen Gehörgang auf, wie bei
Hörbeispiel 11. Zu hören sind im wesentlichen die
kubischen Differenztöne.
Als sehr anschauliches Beispiel aus der Praxis kann hier bei Kurz- und
Mittelwellenempfang das hörbare Überlagern zweier
Trägerfrequenzen zwischen den Sendefrequenzen dienen. Hier
sind zeitweilig nicht nur zwei, sondern mehrere Töne
wahrnehmbar. Diese Töne entstehen teilweise im Radio selbst
und zum Teil auch erst im menschlichen Ohr. Im wesentlichen beruht
dieser Effekt auf der Überlagerung zweier
Trägersignale, die beide weit über dem menschlichen
Gehörsinn bei beispielsweise 300 bis 500 kHz liegen. Die
enstehenden Differenztöne sind allerdings im hörbaren
Bereich und erzeugen das charakteristische Pfeifen.
Hörbeispiel 12.mp3 -
Kombinationstöne, aus der Praxis: Mittelwellenrauschen
Ein interessantes Anwendungsbeispiel für Psychoakustik ist die
MPEG- Datenreduktion für Audiomaterial. Unter Kenntnis der
"unhörbaren" Bestandteile in einer Musikaufnahme kann mittels
spezieller Algorhythmen eine digitale Aufnahme eines
Musikstückes analysiert und massiv im Datenaufkommen reduziert
werden. Hatte eine Originalaufnahme mit 5 min Länge noch 50
Megabyte, so können diese im Zuge der Datenkomprimierung fast
unhörbar bis auf 5 Megabyte und weniger reduziert werden.
Inzwischen gibt es noch leistungsfähigere
Kompressionsalgoritmen. Dazu zählt unter anderem das Format
Ogg Vorbis.
Untersuchung zum
Ogg Vorbis Kompressionsverfahren
Gefahren und Hörverlust:
Das Hörfeld des menschlichen Gehörs erstreckt sich
von 16 Hz bis 20000 Hz. Sehr tiefe und hohe Frequenzen sind erst mit
höherer Lautstärke wahrnehmbar Frequenzen zwischen
200 Hz und 8000 Hz sind gut wahrnehmbar und für solche
zwischen 2000 Hz und 5000 Hz ist das menschliche Ohr besonders
empfindlich.
Zwischen 2 kHz und 5 kHz ist das Ohr daher auch gegenüber
Schädigung sehr empfindlich.
Ein kumulativ erworbener, lärmbedingter Hörschaden
äußert sich immer in einer Unempfindlichkeit
gegenüber diesen Frequenzen. Sprache und Musik nutzen
hauptsächlich diesen Bereich des Hörfeldes und so ist
es eine nicht unerhebliche Behinderung, wenn ein Mensch diese
Frequenzen nicht mehr wahrnehmen kann.
Ein lärmbedingt geschädigtes Gehör
kann nicht etwa diese Frequenzen nur einfach leiser wahrnehmen, was mit
einer Absenkung der Mitten und Höhen bei einem Equalizer an
einer Stereoanlage vergleichbar wäre. Es ist hingegen so, dass
Töne, die unter der Wahrnehmungsschwelle liegen, nicht
gehört werden. Liegen die Töne über der
Wahrnehmungsschwelle, so erkennt sie der geschädigte
Hörer auch mit etwa der gleichen Lautstärke wie ein
gesunder Hörer. Das führt dazu, dass beispielsweise
ein Ton mit 2kHz mit 80 dB(a) Lautstärke nicht zu
hören ist, bei 90 dB(a) hingegen hört der Proband den
Ton nicht nur leise sondern mit voller Lautstärke (also nahezu
90dB(a)).
Daher verhält sich manch älterer Mensch auch recht
sonderbar in Gesprächen:"Hä?? Wie bitte? Hä?
Ich hör Dich nicht!" und dann plötzlich wenn man
lauter redet :"Nun schrei doch nicht so! Bin doch nicht
schwerhörig!"
Im Gesetz ist für Arbeitsplätze mit
Lärmbelastung eine maximale Einwirkungszeit pro Woche
festgehalten, bei deren Überschreiten das Tragen eines
Gehörschutzes Pflicht ist. So darf eine Lautstärke
von 118 dB nur eine Minute pro Woche auf einen ungeschützten
Hörer einwirken.
Bei einem Rockkonzert oder in Discos setzen sich die Zuschauer einer
bezahlten (!) Beschallung von 120 dB eine Stunde und länger
aus. (Selbst Selbstverstümmelung ist heute nicht mehr
kostenlos...)
Tatsache ist, dass das Empfinden von Lautstärke hier sehr
subjektiv ist.
Das menschliche Gehirn ist ein Meister der Anpassung, das geht sogar so
weit, dass Streß unter bestimmten Bedingungen als angenehm
empfunden werden kann. Ein Indianer aus dem brasilianischen Regenwald
würde beim Betreten einer Disco wohl eher an die
Hölle als an Vergnügen denken. Vertreter der heutigen
MTV- erzogenen Generation empfinden dagegen den Urwald über
längere Dauer sicher als 'totenlangweilig' weil beim
Betrachten nicht spätestens alle halbe Sekunde ein Bildwechsel
an ihr Auge oder ein überragender Soundeffekt an ihr Ohr
dringt.
Ein weiteres Beispiel: Wachen wir morgens mit dem leisen
beständigen Plätschern eines Baches im Ohr auf, so
empfinden wir das sehr wahrscheinlich als meditative Ruhe,
hämmert aber am Sonntag Morgen in größerer
Entfernung einer mit einem Preßlufthammer, so würden
wir den Übeltäter eher auf Unterlassung verklagen,
auch wenn der Schall durch die Dämmung der
Thermopen-Glasscheiben leiser wäre als der
plätschernde Bach.
Unsere Lieblingsmusik können wir in ohrenbetäubender
Lautstärke hören und empfinden dabei Genuß,
Musik aber, die wir nicht mögen, drehen wir
unwillkürlich leiser.
Es gibt im Ohr keine Warnmechanismen vor Überlastung, wie etwa
beim Auge. Niemand könnte mit geöffneten Augen in die
Sonne gucken, ohne zu blinzeln oder Tränen in die Augen zu
bekommen.
Auch die viel zitierte Schmerzgrenze beim Hören ist von der
Situation abhängig und bei dauerhafter Belastung
beispielsweise bei einem Rock- Konzert zeugt nur ein Pfeifen (Tinnitus)
und/oder Taubheitsgefühl danach im Ohr
unmißverständlich davon, dass die vorangegangene
Belastung viel zu hoch war. Es gibt in jeder der beiden Schnecken ca.
15.000 Haarsinneszellen, die nicht nachwachsen! Bei leichten akuten
Schädigungen, wie z.B. das Verkleben von
überanspruchten Härchen, können die Zellen
in Zeiten absoluter Ruhe sich wieder regenerieren. Andauerde und
wiederkehrende Schädigungen wie nach Discobesuchen ohne
Lärmschutz führen unweigerlich zum Tod der
Haarsinneszellen. Ein bewußter Umgang mit dem Gehör
erscheint daher sinnvoll.
In diesem
Zusammenhang muss man auch deutlich auf die Gefahr eines Tinnitus
aufmerksam machen.
Ein Tinnitus ist generell so definiert, dass eine Person
Geräusche auf dem Ohr hört. Dabei kann es sich um ein
klassisches Pfeifen (Sinuston) oder auch um Zischen, Rauschen, Knacken
, Klopfen oder andere periodische Geräusche handeln.
Diese Geräusche können sowohl ihre
Intensität über die Zeit ändern als auch mit
dauerhafter Lautstärke zu hören sein. Dabei handelt
es sich generell um physikalisch nicht existente Geräusche.
Man spricht hierbei vom subjektiven Tinnitus.
Dieser entsteht wahrscheinlich irgendwo in der Reizweiterleitungskette
zwischen den Haarsinneszellen und dem Hörzentrum im Gehirn.
Bei einem objektiven Tinnitus kann man das
Geräusch auch physikalisch nachweisen. Diese Fälle
sind aber sehr selten.
Unbestritten ist, dass eine Überlastung des Gehörs
beispielsweise nach dem Besuch eines Rockkonzerts ohne
Hörschutz neben einer allgemeinen Taubheit sehr
häufig einen Tinnitus zur Folge hat. In vielen Fällen
bleiben diese Symptome nicht dauerhaft, sondern klingen nach einigen
Minuten wieder ab. Sollte das Taubheitsgefühl und/oder der
Tinnitus über Stunden andauern, sollte sofort ein Facharzt
konsultiert werden. In diesem Fall ist von einer schweren
Schädigung einer Vielzahl von Harsinneszellen im Cortischen
Organ auszugehen. Man kann mit Infusionen und Sauerstoff
Druckkammerbehandlungen die Erholung der Haarsinneszellen
herbeileiten. Diese Therapie muss aber direkt nach Bemerken der
Schädigung erfolgen und nicht erst Tage oder gar Monate
später.
Ich selbst erlebe so ca. 1 bis 4 mal im Jahr einen kurzen Tinnitus
(ohne lärmbedingten Anlass, denn ich gehe mit meinen Ohren
sehr sorgsam um und sorge für Gehörschutz). Dieser
Tinnitus äußert sich als ca. 10 Sekunden andauernder
Pfeifton auf einem Ohr. Interessant ist für mich, dass ca. 3
Sekunden vor Einsetzen des Sinuspfeiftones das betreffende Ohr eine
Schwerhörigkeit von geschätzen -10dB bis -20dB in
Mitten und Höhen entwickelt. Es klingt so, als ob jemand einen
Gehörschutz auf das Ohr drückt. Danach setzt dann
für kurze Zeit der Tinnitus ein. Auch Erfahrungsberichte von
Bekannten decken sich mit diesen Beobachtungen. Ich halte diese
sporadisch auftretenden Tinnitus-Symptome für normal. Oft
lassen sie auf einen allgemeinen Stresszustand in der betreffenden
Situation schließen.
Bei einer Häufung der Tinnitusattacken würde ich in
jedem Fall den Gang zu einem HNO Arzt emfehlen!
Tipp zum Gehörschutz :
Ein professioneller Lärmschutz ist bei Personen, die sich
regelmäßig einer lauten Umgebung aussetzen sinnvoll.
Dazu gibt es zahlreiche Angebote, die von wenigen Cent zu mehreren
Hundert Euro reichen.
Ich selbst erlebe aber sehr häufig, dass ich meine speziellen
Ohrstöpsel (die jeweils ca. 5 Euro kosten) nicht dabei habe,
aber mein Gehör schützen müsste. In diesem
Falle benutze ich immer mit Speichel angefeuchtete Stücke von
Papiertaschentüchern die ich zu Pfropfen ausreichender
Größe forme und so in den Ohren platziere, dass ich
sie nach der Lärmbelastung wieder ohne Probleme entfernen
kann. Dazu sollte ein nicht unerhelblicher Teil der Tücher aus
dem Gehörgang herausragen. Trockene
Papiertaschentüchern in den Ohren erzeugen allenfalls eine
leichte Dämpfung der Höhen. Mitten und Bässe
können diese fast ungehindert passieren. Die angefeuchteten
Taschentücherstopfen kommen sehr nah an ca. 20 bis 30dB
Schallreduktion heran, die man bei professionellen
Ohrschützern erreicht.
Natürlich erscheint der Frequenzgang der so zu
hörenden Umgebungsgeräusche verzerrt. Will
heißen, dass die Bässe stärker zu
hören sind als die Höhen. Das liegt aber im
Wesentlichen an der Knochenleitung von Schall. Wer das verhindern will,
müsste mit einem Motorradhelm bei einem Rockkonzert auflaufen.
Das kann man nun wirklich keinem zumuten.
Ich halte übrigens persönlich nichts von (sehr
teueren) Hörschutzstöpseln, die eine Schallreduktion
von ca. 30dB versprechen, aber zusätzlich einen linearen
Frequenzgang anpreisen. Eine stärkere Schallreduktion als ca.
30dB ist bei Signalen unter 2kHz kaum möglich, da diese wie
gesagt über Knochenleitung weitergeleitet werden, welches
über Ohrstöpsel nicht unterbunden werden kann. Daher
ist bei Schallreduktionen um 30 dB kaum noch ein linearer Frequenzgang
beim Hörempfinden umzusetzen.
Hörbeispiel 02b.mp3 - Simulation von
lärmbedingtem Hörverlust (neue Version)
M. Fiedler, 20.11.1997, Text-Ergänzung am 12.11.2000,
Ergänzung der MP3s am 25.12.00,
Neuerstellung der Bilder am 23.07.01
Neue Absätze am 20.06.09 hinzugefügt.
letzte Texkorrektur am 20.06.09
Literatur:
- von Bekesy, G. (1960): Experiments in hearing; McGrawHill, New York
- Davis, H. (1968): Mechanisms of the inner ear; Ann. Otol. Rhinol.
Laryngol. 77: 644-655
- Eckert, Tierphysiologie 2. Auflage; Thieme- Verlag 1993
- "Keys" 3-1997; PPV Presse Projekt Verlags GmbH
- Anleitungen zum "Composer" und "Denoiser"; Behringer GmbH 1993
- Dudel et al. Neurowissenschaft, vom Molekül zur Kognition.
Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag 1996
- Luce R. Duncan Sound & Hearing, A conceptional Introduction.
Hillsdale, new Jersey: Lawrence Erlbaum Associates 1993
- Pickles, James O. An Introduction of the physiology of Hearing.
London San Diego etc.: Academic Press 1988
Akustik-Gehör-Psychoakustik - Martina Kremer
http://de.wikipedia.org/wiki/Mittelohr
http://www.cochlee.org/
Podcast zum Thema Schwerhörigkeit auf www.Delamar.tv
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